Psychische Krisen können uns alle treffen. Manchmal kann gerade die Erfahrung anderer Menschen neue Hoffnung schenken
Gleichzeitig gibt es heute vielfältige und wirksame Möglichkeiten der Behandlung und Unterstützung. Entscheidend ist, psychische Probleme ernst zu nehmen, frühzeitig darüber zu sprechen und bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Fachwissen trifft Erfahrungswissen
Eine moderne psychiatrische Versorgung berücksichtigt unterschiedliche Perspektiven. Neben der medizinischen, psychologischen, pflegerischen und therapeutischen Expertise kann auch das persönliche Erfahrungswissen von Menschen, die selbst psychische Krisen durchlebt haben, eine wertvolle Ergänzung sein. Genau hier setzt Peerarbeit an. Peer-Mitarbeitende bringen ihre eigene Erfahrung mit psychischer Erkrankung und Genesung gezielt in die Begleitung von Patientinnen und Patienten ein. Sie kennen viele Unsicherheiten und Herausforderungen nicht nur aus der Theorie, sondern aus eigener Erfahrung. Damit können sie Orientierung geben, Verständnis fördern und eine zusätzliche Perspektive eröffnen.
Die Weltgesundheitsorganisation stellt den Welttag der psychischen Gesundheit 2026 unter das Motto «Lived experiences heard: real voices, real change», auf Deutsch «Erfahrungen ernst nehmen, echte Stimmen hören, Veränderung ermöglichen» und rückt damit das Erfahrungswissen von Menschen mit psychischen Erkrankungen bewusst in den Mittelpunkt.
Im Gespräch mit einer Peer-Mitarbeiterin
Was bedeutet es, die eigene Erfahrung heute für andere Menschen einzusetzen? Diese und weitere Fragen haben wir Sabine Heiniger, Peer-Mitarbeiterin am Universitären Psychiatrischen Zentrum Bern gestellt, denn, Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung wissen, wie sich Krisen anfühlen.
Sabine, wie sieht deine Arbeit am UPZ aus?
Aktuell bin ich unter anderem in der Infothek des Universitären Psychiatrischen Zentrums (UPZ) am Standort Bern als Peer-Mitarbeitende tätig. In der Infothek bieten wir Informationen zu Angeboten des UPZ, verschiedenen psychiatrischen Diagnosen, Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Recovery an. Willkommen sind Erschütterungserfahrene als Patientinnen und Patienten des UPZ, Fachpersonen, Angehörige und auch weitere Interessierte von ausserhalb. Die Infothek ist ein niederschwelliges Angebot, das ohne Voranmeldung und kostenlos besuchbar ist.
Der Hauptraum befindet sich in der Neuen Klink an der Bolligenstrasse 111 und ist jeweils tagsüber zwischen 8.00 Uhr und 17.00 Uhr offen. Zudem biete ich nach Absprache sowie Bedarf Einzelgespräche an anderen Standorten und immer wieder weitere Angebote im Rahmen des UPZ an. Evidenzbasiertes Wissen bietet Ausgangspunkte für ein erste Gespräche. Daneben wird Erfahrungswissen geborgen im Austausch. Dies geschieht durch Reflexion von eigenen Erfahrungen – oft mit der Methode vom Ich- zum Wir-Erfahrungswissen.
Gab es während deiner eigenen Krise einen Moment, in dem du dir einen Menschen gewünscht hättest, der sagen kann: «Ich kenne das, ich war selbst einmal dort?»
In der Zeit habe ich für mich nach möglichen Lösungen im Umgang mit erlebten Herausforderungen gesucht. Während dieser Suche kam ich eher zufällig in Kontakt mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Der Austausch mit ihnen hat mir im Umgang mit meinen eigenen Themen, Optionen aufgezeigt und ich durfte einige Male das Gefühl des «Verstandenwerdens» erleben.
Was kannst du Patientinnen und Patienten aufgrund deiner eigenen Erfahrung geben?
Als Peer-Mitarbeiterin verkörpere ich, dass es möglich ist, aus Krisen wieder herauszufinden und entsprechend den eigenen Wünschen wachsen zu dürfen.
Gibt es Situationen, in denen du zwischen Patientinnen und Patienten und Nutzenden unserer Angebote sowie den Behandlungsteams eine Art Brücke sein kannst?
Ja, immer wieder. Ich verstehe mich als Brückenbauerin. Und dies in verschiedenen Richtungen: Von Patientinnen und Patienten und Nutzenden zu Fachpersonen, Angehörigen und weiteren Interessensgruppen sowie auch umgekehrt. Als «Expertin aus Erfahrung» habe ich die Möglichkeit, Sichtweisen zu ergänzen, welche in bisherigen Behandlungsabläufen unter Umständen nur teilweise artikuliert werden und manchmal wenig Raum finden. Dies kann zu neuen Impulsen und Lösungsansätzen führen. Als Gestalterin von partizipativen Angeboten und Prozessen ermutige ich dazu, dass Teilnehmende zu Teilgebenden werden können. So werden Selbstwirksamkeit und Empowerment gefördert. Als Vermittlerin zwischen Menschen mit verschiedenen Herkunfts- und Berufsbiografien engagiere ich mich, dafür, dass wir, unter Einbezug des Prinzips «Nichts über uns ohne uns», alle gemeinsam unterschiedliche «Landschaften zur Stärkung der psychischen Gesundheit und Recovery» schaffen, welche wir zusammen als aktive Akteurinnen und Akteure in, mit und für die Gesellschaft kontinuierlich nachhaltig weiterentwickeln.
Früher warst du selbst Patientin, heute nutzt du deine Erfahrung, um anderen Menschen zu helfen. Was macht diese Entwicklung mit deinem Blick auf deine eigene Krankheitsgeschichte?
Durch die Entwicklung von der «Erschütterungserfahrenen» zur «Expertin aus Erfahrung» durfte ich erkennen, dass auch Krisen Weiterbildungen sein können. Manchmal sind es gerade die schwierigen und ungewollten Lebensphasen, die uns wertvolle Erkenntnisse schenken und langfristig dazu beitragen können, unser Leben bewusster, vielschichtiger und selbstbestimmter zu gestalten.
«Einblicke in meine eigene Geschichte können als Türöffner dienen.»
Was ist Peerarbeit?
Am UPZ ergänzen Peer-Mitarbeitende die psychiatrische Behandlung und Begleitung mit ihrem persönlichen Erfahrungswissen. Sie haben selbst psychische Krisen oder Erkrankungen erlebt und bringen diese Erfahrung gezielt in die Begleitung von Patientinnen und Patienten ein. Sie ergänzen die Arbeit der Fachpersonen um eine persönliche Perspektive und können insbesondere Hoffnung, Orientierung und Verständnis vermitteln.
Angehörigenberatung
Psychische Erkrankungen bedeuten auch für alle Betroffenen eine hohe emotionale Belastung, insbesondere für Angehörige. Informationen, Vernetzung und der Austausch mit anderen Betroffenen helfen, schwierige Situationen besser zu bewältigen. Aus diesem Grund bietet das UPZ eine breite Palette an Unterstützungsangeboten für Angehörige an, darunter Beratung, Gruppenangebote und Informationsveranstaltungen.
Das Beratungsangebot ist kostenlos und steht auch Angehörigen von Personen offen, die nicht im UPZ behandelt werden.
Beratungstermine können telefonisch oder per E-Mail vereinbart werden. Die Beratung untersteht der Schweigepflicht. Weitere Informationen finden Sie hier.
Beratungen
Beratungen UPZ Bern
Telefon: 058 630 63 18
Beratungen UPZ Münsingen
Telefon: 031 720 83 70