Embodiment und Synchronie in der Psychotherapie (Akronym: SYNC)
Seit einigen Jahren hat sich Embodiment („Verkörperung“) als neuer Leitbegriff in den Kognitionswissenschaften etabliert. Forscher und Praktiker benutzen den Begriff Embodiment zur Bezeichnung der Perspektive, dass mentale Prozesse stets im Kontext körperlicher Zustände und Prozesse zu sehen sind. Der Embodiment-Ansatz entfernt sich damit von der „Computermetapher“ des Geistes und ist dabei, das Paradigma „Kognition ist abstrakte Informationsverarbeitung“ abzulösen. Ein vollständiges Verständnis von Kognition muss deren Einbettung in den Körper berücksichtigen. Dies hat weitreichende Implikationen für die psychologische und psychiatrische Forschung wie auch für praktische Anwendungen, etwa für die Psychotherapie.
Die konventionelle Sicht betont, dass Umweltstimuli mentale (kognitive, perzeptuelle) Reaktionen bewirken, die zu emotionalem und physischem Verhalten führen. Embodiment erweitert und komplettiert diese Sicht durch die Berücksichtigung der weniger offensichtlichen, aber gleichfalls bedeutenden umgekehrten Abfolge: motorisches und körpersprachliches Verhalten beeinflusst den Geist, oft ohne bewusst wahrgenommen zu werden. In ihrer Bidirektionalität prägen beide Prozesse die Embodiment-Perspektive und bilden den Kern des Forschungsbereichs.
Eine wichtige Operationalisierung der Bidirektionalität in sozialen Systemen ist die „interpersonale Synchronie“, die international im Fokus eines umfangreichen und wachsenden Forschungsfelds steht. So konnte gezeigt werden, dass sich Therapeuten und Patienten in der Therapiesitzung signifikant miteinander synchronisieren, dies hinsichtlich ihrer Motorik wie auch physiologischer Aktivierung. Es wurde zudem gefunden, dass das Ausmass der Synchronie mit verschiedenen Aspekten der therapeutischen Beziehung und dem Sitzungs-Outcome assoziiert war. Patienten mit unsicherer Bindung, mit interpersonalen Problemen und psychopathologischer Belastung zeigten weniger Synchronie in Therapiesitzungen.
Aktuelle Reviews weisen auf Forschungsbedarf hin. So sind die Ergebnisse teilweise abhängig von den Verfahren, mit denen Synchronie quantifiziert wird, sowie vom Beziehungskontext – auch Konflikte in der Therapiebeziehung („Alliance Ruptures“) können zu erhöhter Synchronie führen. Im Rahmen eines umfassenden Scoping-Reviews sollen diese offenen Fragen genauer untersucht werden.
Verantwortliche Personen
Leitung: Wolfgang Tschacher, Mario Pfammatter